Beeindruckend. 313.000 Menschen schoben sich Mitte März durch die Leipziger Messehallen, atmeten den Duft von frisch bedrucktem Papier und suchten nach Geschichten. Ein neuer Rekord. Man fragt sich unweigerlich: Wie viele von uns saßen danach mit müden Füßen in der S-Bahn Richtung Engelsdorf und hielten einen neuen Schatz im Arm? Doch was passiert eigentlich, wenn der Messe-Staub sich legt? Woher kommt der Nachschub im Alltag, wenn man nicht gerade in der Innenstadt wohnt?
Das blaue Wunder – die Fahrbibliothek
Wir in Engelsdorf haben da ein Privileg, das viele gar nicht so genau kennen. In der A-Woche rollt die „Große Fahrbibliothek“ an. Wer den Bus betritt, erlebt eine Überraschung: Es ist hell, freundlich und bietet Platz für rund 5.000 Medien. Das ist kein alter Bücherkarren, das ist ein rollendes Wohnzimmer. Von Tonies für die Kleinsten über Konsolenspiele und Comics bis hin zu Spielfilmen und dem klassischen Roman ist alles an Bord.
Wichtig für den Kalender: Haltestelle und Standzeit in der A-Woche: Dienstag 12:30–14:00 Uhr Engelsdorf / Schulweg / Getränkemarkt
Leider kennen diese Möglichkeit bisher viel zu wenige, was sich hiermit hoffentlich ändert. Denn so ein Angebot lebt vom Mitmachen – und vom Gesehen werden.
Wunschkonzert gegen digitale Träume
Im Februar lag die neue Bibliotheksentwicklungskonzeption bis 2031 auf dem Tisch des Ortschaftsrats. Wer einen Blick in dieses städtische Konzeptpapier wirft, sucht Verbesserungen für unseren Bereich vergeblich. Da steht viel von „digitaler Transformation“, aber nichts von neuen Haltestellen vor unserer Haustür.
Die Ortschaftsräte haben deshalb einen Änderungsantrag eingebracht: Eine zusätzliche Haltestelle in Baalsdorf (am Anger). Warum? Weil Bürger aus Baalsdorf, Kleinpösna und Hirschfeld die Engelsdorfer Stationen aufgrund der Distanz gar nicht erst ansteuern. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Die Standzeit mittags ist für Berufstätige nahezu unmöglich wahrzunehmen. Das wird sich wohl auch an einem neuen Standort kaum ändern. Zwei Ortschaftsratsmitglieder sahen den Antrag daher eher als Symbolpolitik und enthielten sich.
Wer den Bus verpasst, aber dennoch ein „festes Dach“ über den Büchern braucht, sollte nach Paunsdorf schielen. Dort findet sich die nächste stationäre Adresse. Besonders wertvoll für alle Werktätigen: Der „BookDrop“-Rückgabeautomat, der täglich von 6 bis 24 Uhr zugänglich ist – also auch dann, wenn der Arbeitstag mal wieder länger gedauert hat.
Wenn der Parkplatz zum Schicksal wird
Ein Rückblick lohnt sich: Bis 2024 hatte Engelsdorf noch zwei Haltestellen, der Bus kam wöchentlich. Doch die Station an der Grundschule war ein Dauerproblem – die Parkfläche war ständig zugeparkt, was den Halt unmöglich machte. Es folgte ein unfreiwilliger Umzug zur „Postfiliale“, der jedoch kaum Resonanz fand und schließlich gestrichen wurde.
Seit dem Schuljahr 2024/25 gibt es eine neue Lösung: Die zusätzlich angeschaffte „Kleine Fahrbibliothek“ – ein moderner Elektro-Bus – fährt nun vierzehntägig direkt auf den Schulhof der Christoph-Arnold-Schule. Auch wenn das nagelneue Gefährt bereits wiederholt mit technischen Defekten und Problemen an der Bremsanlage in der Werkstatt stand, ist die Möglichkeit super.
Übrigens: Die „Kleine Fahrbibliothek“ kann man sogar für Dorffeste anfragen. Vielleicht ein Gedanke, den unsere Vereinsplaner für das nächste Sommerfest im Hinterkopf behalten sollten?
Privatinitiative: Kopieren ausdrücklich erwünscht
Wenn der Bus gerade nicht rollt, bleiben uns die privaten Initiativen – jene wunderbaren Nebensächlichkeiten, die das dörfliche Leben ausmachen. Sie sind die „Guerilla-Taktik“ gegen die Leseflaute und dürfen gerne an anderer Stelle kopiert werden:
- Die Büchertelefonzellen: Am Althener Anger (Heimatstube e.V.) oder an der Engelsdorfer Volkssolidarität (Silke Prüfer). Das Prinzip: Nimm eins, bring eins. 24 Stunden am Tag, ohne Ausweis, einfach zum Tauschen.
- Das offene Bücherregal: Im Speiseraum der Grundschule. Ein wunderbares Konzept: Nimm die Bücher kostenlos mit, die dir gefallen, und leg ein ausgelesenes zurück.
„Endstation Leselust“ – das bedeutet: Der Ortschaftsrat hat den Stein für Baalsdorf ins Rollen gebracht. Ob er dort ankommt oder im Sande verläuft, liegt jetzt an uns und unserem Lesehunger. Nutzen wir das bestehende Angebot am Getränkemarkt viel intensiver, beleben wir die Telefonzellen und zeigen wir der Stadtverwaltung, dass wir hier draußen nicht nur digital transformiert werden wollen, sondern echte Seiten zum Umblättern brauchen.
Man sieht sich – am Bus, am Automaten oder an der Telefonzelle.
