Unser 4. Aula-Abend im Oktober passte perfekt in die Jahreszeit und bot dem Publikum eine wohlklingende Einladung in die dunkle Jahreszeit. Das Duo Tasto Corno (Eva Meitner, Harmonium und Katharina Hesse, Horn) brachte eine Auswahl der bekanntesten polnischen Tangos zu Gehör und die Moderation von Eva Meitner bot den Gästen neben dem musikalischen Ohrenschmaus viel Interessantes und Wissenswertes über die polnische Tango-Szene der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts und ihrer Komponisten.
Wenn wir ehrlich sind, kommt uns beim Tango nicht gerade Polen als Erstes in den Sinn und doch schlug das europäische Tango-Herz zu dieser Zeit auch in Warschau ganz heftig. Dass der Tango aus Argentinien nach Europa eingewandert ist, wissen viele, dass es ein Tanz ist, welcher überwiegend von melancholischen und sehnsuchtsvollen Melodien lebt, ist auch nicht unbekannt. Dass der Tanz als verrucht galt, weil er von Leidenschaft und Hingabe lebt und in den Armenvierteln von Buenos Aires entstand, ist weniger bekannt und auch, dass es letztlich europäische Einwanderer waren, vornehmlich aus Spanien, Italien und Osteuropa, die ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen auf diese Weise in der Fremde zum Ausdruck brachten. Im Tango finden sich Elemente des Jazz, des Klezmer und traditioneller südeuropäischer Tänze und Gesänge. Die Tangomanie nahm in Europa ihren Anfang in Paris, weil argentinische Musiker dort ihre ersten Schellackplatten aufnahmen. Die Musik war inzwischen bei den Wohlhabenden in Revuetheatern, Tanzsälen und Clubs angekommen und eröffnete den Musikern Möglichkeiten für ihren Lebensunterhalt. Polen, lange ein Spielball der Weltmächte, suchte nach dem Ersten Weltkrieg nach Wegen zurück zur nationalen Identität und viele Musiker mit jüdischen Wurzeln waren, wie andere Minderheiten und die Polen selber, zu Meistern der Überlebenskunst geworden. Da lässt sich leicht die Verbindung zu den Lebensverhältnissen der Einwanderer und Flüchtlinge anderer Länder finden. Dass viele der jüdischen Komponisten die Naziherrschaft nicht überlebten oder auswanden mussten, ist sicher einer der Gründe, dass der polnische Tango heute nicht mehr in aller Munde ist. Die »Herbstrosen« von Eva Meitner und Katharina Hesse sind eine schöne und gelungene Aufforderung, die polnischen Tangos eines Artur Gold, Henryk Wars oder Jerzy Petersburski, um nur einige Namen zu nennen, nicht als Grabschmuck, sondern als Rosensträucher wahrzunehmen, die jedes Jahr aufs Neue ihre Blütenpracht entfalten.
Dass die beiden Musikerinnen statt Geige und Bandoneon das Harmonium und das Horn erklingen lassen, und dass das so gut passt, als sei es von den Komponisten von Beginn an als praktikable Möglichkeit in Erwägung gezogen worden, ist eine Überraschung, bei der es sich lohnt, ihr unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei zuckte es häufig in den Beinen, denn diese Musik lud nicht nur zum Hören, sondern auch zum Tanzen ein.
